Stadt Eberswalde – Schwammstadt-Konzept im Brandenburgischen Viertel
Im Rahmen der Umsetzungsphase des „Energie- und Klimaschutzkonzepts" der Stadt Eberswalde wurde 2019 das Konzept „Entsiegelung und Regenmanagement zur Klimaanpassung" im Brandenburgischen Viertel erstellt. Zentrale Ziele sind der dezentrale Rückhalt und die Versickerung von Niederschlagswasser, die Reduzierung des oberirdischen Abflusses sowie die Entlastung der Regenwasserkanalisation und des Regenrückhaltebeckens am Drehnitzfließ. Darüber hinaus sollte die Kühlwirkung im Stadtgebiet durch Verdunstung gestärkt werden. Das Vorhaben wurde bereits zu großen Teilen erfolgreich umgesetzt und dient inzwischen als Referenzprojekt für andere Kommunen.
Allgemeine Informationen
Ort/Einrichtung
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Ziele und Aktivitäten
Das Brandenburgische Viertel in Eberswalde ist ein zwischen 1977 und 1989 in industrieller Bauweise errichtetes DDR-Plattenbaugebiet. Die Bebauung besteht überwiegend aus sechsgeschossigen Wohnblöcken mit großzügigen, begrünten Innenhöfen, weist jedoch auch einen hohen Versiegelungsgrad auf. Der Untergrund ist durch sandige Böden mit guter Wasserdurchlässigkeit gekennzeichnet; bis in eine Tiefe von vier Metern befindet sich kein Grund- oder Schichtenwasser. Bislang entwässerten sämtliche Gebäude sowie die Straßen- und Wegeflächen mit insgesamt rund 25 Hektar über ein Leitungssystem in ein Regenrückhaltebecken am Drehnitzfließ.
Eine Klimaanalyse verdeutlichte die zunehmende Problemlage: Durch den Klimawandel treten Starkregenereignisse immer häufiger auf, wodurch das bestehende Entwässerungssystem und das bisher einzige Regenrückhaltebecken regelmäßig an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Gleichzeitig verursacht die zunehmende Trockenheit wachsende Schäden an der grünen Infrastruktur und damit verbundene Kosten. Dieses Spannungsfeld zwischen Überflutungsrisiken einerseits und Trockenstress andererseits bildete die zentrale Motivation für das Klimaanpassungsvorhaben. Unmittelbarer Auslöser für das Projekt waren Starkregenereignisse, bei denen das Wasser tagelang auf den Straßen stand und das Entwässerungssystem an seine Belastungsgrenze stieß.
Das Projekt verfolgt das Prinzip der Schwammstadt und setzt auf eine wassersensible Siedlungsentwicklung. Der zentrale Ansatz besteht darin, Regenwasser vor Ort aufzunehmen, verzögert abzugeben und zu nutzen, anstatt es abzuleiten. Die technische Umsetzung gliedert sich in vier Handlungsfelder.
Das erste Handlungsfeld umfasst die Entsiegelung von Flächen mit einer Gesamtfläche von circa 1,1 Hektar und einer Wassermenge von 170 Litern pro Sekunde. Ein Beispiel hierfür ist der Rückbau der Betonfläche in der Lausitzer Straße, wodurch etwa 400 Quadratmeter entsiegelt wurden. Dadurch wird der oberirdische Abfluss reduziert, die Regenwasserkanalisation entlastet und die ursprüngliche Bodenfunktion wiederhergestellt.
Das zweite Handlungsfeld betrifft die dezentrale Versickerung mit einer Gesamtfläche von circa 3,3 Hektar und einer Wassermenge von 336 Litern pro Sekunde. Hierzu wurden Hochborde zurückgebaut und Entwässerungsmulden angelegt. An der Cottbuser Straße wurden beispielsweise die Straßenränder angepasst, um eine Vor-Ort-Versickerung zu ermöglichen. Dies entlastet die Regenwasserkanalisation und macht das Wasser für Pflanzen nutzbar.
Das dritte Handlungsfeld umfasst die zentrale Versickerung durch drei Versickerungsbecken mit einer Gesamtfläche von circa 8,9 Hektar und einer Wassermenge von 1.311 Litern pro Sekunde. Ein Beispiel ist das Becken an der Frankfurter Allee, durch welches 22.310 Quadratmeter Einzugsfläche vom Regenrückhaltebecken Drehnitzfließ abgetrennt wurden. Dadurch konnte eine Reduktion der Regenwassereinleitmenge um 306 Liter pro Sekunde in das Regenrückhaltebecken erreicht werden.
Das vierte Handlungsfeld widmet sich der Gesundheit und Aufenthaltsqualität. Mit dem Spreewaldpark wurde eine 2.000 Quadratmeter große neue Parkfläche geschaffen, ergänzt durch neue Bäume. Dies führt zu einem Zuwachs an Aufenthaltsqualität sowie Spiel- und Erholungseffekten. Zudem verbessert sich das Stadtklima, was das Risiko für vulnerable Gruppen an Hitzetagen senkt.
Im Projektverlauf wurden mehrere wichtige Meilensteine erreicht. Zunächst wurde ein Schwammstadt-Konzept für das Brandenburgische Viertel erarbeitet. Darauf aufbauend erfolgte die Planung und Umsetzung der Cottbuser Straße als erste Straße nach dem Schwammstadt-Prinzip. Ein weiterer Meilenstein war die Fertigstellung des. Zwei der drei zentralen Versickerungsbecken sind bereits fertiggestellt, das dritte befindet sich derzeit in der Umsetzung. Langfristig soll das Schwammstadt-Prinzip in alle weiteren Straßenbaumaßnahmen im Quartier integriert werden.
Die beschriebenen Maßnahmen wurden im Rahmen des Förderprogramms „Sozialer Zusammenhalt" des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI) durch Städtebaufördermittel finanziert.
Die geförderten Einzelmaßnahmen umfassen:
- Konzepterstellung „Entsiegelung und Regenmanagement zur Klimaanpassung"
- Umgestaltung Frankfurter Allee: Anlage Regenrückhaltebecken Frankfurter Allee
- Klimaanpassungsmaßnahme Regenrückhaltebecken Neuruppiner Straße: Entsiegelung und Regenwassermanagement, Planung und Bau von 2021 - 2023 (fertiggestellt), Förderkennzahl bzw. Ident. Nr. beim LBV: 06005200/047/0355
- Klimaanpassungsmaßnahme Regenrückhaltebecken Spechthausener Straße: Entsiegelung und Regenwassermanagement, Planung 2025 und Bau vorr. in 2026, Förderkennzahl bzw. Ident. Nr. beim LBV: 06005200/021/0402
- Qualifizierung des Wohnumfeldes Aktionsraum Cottbus "Spreewaldpark": Planung und Bau von 2022 - 2023 (fertiggestellt), Förderkennzahl bzw. Ident. Nr. beim LBV: 06005200/020/0427
- Gehwege und Parkplatzflächen Cottbuser Straße, Spreewaldstraße: Planung und Bau 2023 - 2024 (fertiggestellt), Förderkennzahl bzw. Ident. Nr. beim LBV: 06005200/020/0431
- Barrierefreie Wegenetze 2. BA, Platzgestaltung Schorfheidestraße/ Beeskower Straße: Planung und Bau 2022 - 2023 (fertiggestellt), Förderkennzahl bzw. Ident. Nr. beim LBV: 06005200/020/0422
Die Umsetzung des Projekts erforderte eine enge Zusammenarbeit sowohl innerhalb der Stadtverwaltung als auch mit externen Partnern. Innerhalb der Kommune war die Verknüpfung zwischen den Ämtern von zentraler Bedeutung, insbesondere die Kooperation zwischen dem Stadtentwicklungsamt und dem Tiefbauamt, das für die Straßenplanung und -umsetzung zuständig ist. Extern spielten mehrere Partner eine wichtige Rolle. Die Wohnungsgesellschaften der Stadt waren zentrale Kooperationspartner bei der Umsetzung von Maßnahmen im Gebäudebestand. Die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNE) unterstütze bei der Auswahl klimarestistenter Vegetation. Zudem spielt die Kooperation mit Anwohnenden eine wichtige Rolle. Das Regenrückhaltebecken Frankfurter Allee/ Spechthausener Straße wird seit seiner Errichtung von Anwohnenden des Quartiers stetig neu bepflanzt. Initiator ist ein engagierter Bürger, der vom Quartiesmanagemt unterstützt wird und die Pflanzungen jährlich koordiniert. Inzwischen hat sich die Kooperation auf eine Blumenwiese vor dem Pflegeheim der AWO ausgeweitet, die zusammen mit dessen Bewohnenden, sowie mit den Kindern aus den Kitas "Kleeblatt", "Gestiefelter Kater",und "Arche Noah", sowie dem Hort "Kinderinsel" betreut wird.
Erkenntnisse
Insgesamt wurden 13,3 Hektar der Gesamtfläche von 25 Hektar nach dem Schwammstadtprinzip umstrukturiert. Dadurch konnte die Versickerung vor Ort um 50 Prozent gesteigert und der Regenwasserzufluss in das Regenrückhaltebecken Drehnitzfließ um 1.950 Liter pro Sekunde, also ebenfalls um 50 Prozent, reduziert werden.
Bei der Umsetzung des Schwammstadt-Konzepts im Brandenburgischen Viertel galt es, verschiedene Herausforderungen zu bewältigen. Zu Beginn musste innerhalb der Verwaltung zunächst ein gemeinsames Verständnis für dezentrale Regenwasserversickerung geschaffen und interne Arbeitsprozesse angepasst werden. Die Ausgangslage war anspruchsvoll, da wiederkehrende Starkregenereignisse die Überlastung des bestehenden Entwässerungssystems deutlich machten und dringenden Handlungsbedarf offenbarten. Die Entwicklung und Umsetzung technischer Lösungen erforderten zusätzliche Planungskapazitäten sowie erhebliche finanzielle Mittel, deren Einwerbung teilweise schwierig war.
Das Projekt im Brandenburgischen Viertel zeigt, wie wichtig eine solide strategische Grundlage und eine gute interne Organisation für erfolgreiche Klimaanpassungsmaßnahmen sind. Frühzeitig beschlossene Konzepte, wie das Energie- und Klimaschutzkonzept haben Planungssicherheit geschaffen und die Umsetzung erleichtert. Von zentraler Bedeutung ist zudem eine enge ämterübergreifende Zusammenarbeit, die durch feste Strukturen und regelmäßigen Austausch gesichert wird. Ebenso entscheidend war die Bereitschaft, neue technische Lösungen pragmatisch zu erproben und schrittweise zu etablieren.