30.01.2026

Im Interview: Jana Lange zu Klimaanpassung im ländlichen Raum

Schwerpunktthema: „Klimaanpassung im ländlichen Raum"

Die Klimakrise stellt ländliche Kommunen vor wachsende Herausforderungen. Die in Kürze erscheinende Publikation „Klimaanpassung im ländlichen Raum – Potenziale, Beispiele, Synergien“ des Zentrum KlimaAnpassung zeigt auf, wie sich diese Kommunen wirksam an die Folgen anpassen können und stellt praxisnahe Strategien und inspirierende Beispiele es aus verschiedenen Regionen Deutschlands vor.

Jana Lange vom Deutschen Institut für Urbanistik und Mitautorin der Publikation erläutert im Interview, welche besonderen Herausforderungen und Potenziale der ländliche Raum bietet. Sie beschreibt erfolgreiche Praxisbeispiele und gibt Tipps, wie naturbasierte Lösungen und eine gute Zusammenarbeit die Klimaanpassung vor Ort voranbringen können.

ZKA: Ländliche Räume sind meist anders vom Klimawandel betroffen als urbane Zentren. Welche spezifischen Herausforderungen, aber auch welche besonderen Potenziale, bieten sich dort für die Klimaanpassung? 

Jana Lange (J.L.): Zunächst möchte ich betonen, dass Klimaanpassung im ländlichen Raum genauso wichtig ist wie in Städten. Wir beobachten dort ähnliche Probleme: Auch in Dörfern und Kleinstädten gibt es versiegelte Flächen, die bei Starkregen überflutet werden, und selbst Hitzeinseleffekte treten auf.

Besonders betroffen sind jedoch die Naturräume. Die Klimakrise wirkt sich massiv auf die Bodengesundheit aus, auf den Wasserhaushalt und auf die Biodiversität. Wir beobachten Artenrückgänge und eine Verschiebung von Lebensräumen. Das trifft dann unmittelbar die Land- und Forstwirtschaft, die ja prägende Wirtschaftszweige im ländlichen Raum sind. Hitzewellen und Dürren führen zu Ernteausfällen, erhöhen die Waldbrandgefahr und begünstigen, zusammen mit milden Wintern, die Massenvermehrung von Schadinsekten wie dem Borkenkäfer, was großflächiges Baumsterben verursacht. Starkniederschläge wiederum verstärken die Bodenerosion und können ebenfalls Ernteschäden verursachen.

Eine besondere Herausforderung kommt hinzu: In kleineren Kommunen fehlt oft schlicht das Personal oder das Fachwissen, um Klimaanpassungsprojekte umzusetzen.

Aber, und das ist mir wichtig zu sagen, der ländliche Raum bietet auch besondere Potenziale. Mit unserer Publikation zeigen wir, dass sich gerade dort naturbasierte Lösungen besonders gut umsetzen lassen: Renaturierungsmaßnahmen, neue Bewirtschaftungsformen in der Landwirtschaft oder klimaangepasste Aufforstung. Diese Maßnahmen haben oft eine hohe Synergiewirkung, denn sie nutzen nicht nur der Klimaanpassung, sondern gleichzeitig dem Klimaschutz, der Biodiversität und sogar dem Tourismus.

Ein spannendes Beispiel für Siedlungsgebiete ist das Konzept des „Schwammdorfs", analog zur bekannten Schwammstadt. Dabei geht es darum, Niederschlagswasser vor Ort versickern zu lassen, zu speichern und zu nutzen, statt es einfach abzuleiten.

ZKA: In der Publikation werden drei konkrete Praxisbeispiele vorgestellt: der Klimawald im Harz, Baumäcker in Stegaurach und die Vechte-Renaturierung in Metelen. Was können andere Kommunen von diesen Projekten lernen?

J.L.: Meiner Meinung nach zeigen die drei Praxisbeispiele besonders gut, welche Planungsschritte für die erfolgreiche Umsetzung von Klimaanpassungsprojekten wichtig sind. Welche Akteure sollen eingebunden und welche Förderprogramme können genutzt werden? Und wir haben gesehen, wie hilfreich es ist, externe Partner von Beginn an einzubinden. Insbesondere dort, wo Fachwissen fehlt.

Für das Projekt Klimawald im Harz hat zum Beispiel die wissenschaftliche Begleitung durch Hochschulen die nötige Fachexpertise für die standortspezifische Auswahl klimaangepasster Baumarten gesichert. So soll eine widerstandsfähige Waldstruktur entstehen, die langfristig CO₂ bindet, das lokale Klima stabilisiert und die Erholungsqualität stärkt.

Das Projekt Baumäcker in Stegaurach zeigt, wie durch innovative Landnutzung, also etwa durch die Kombination von Landwirtschaft und Gehölzstreifen, ein wirksamer Beitrag zum Bodenschutz und zur Hitzeminderung geleistet werden kann. Damit wird nicht nur die landwirtschaftliche Produktion klimaresilienter, sondern auch das Landschaftsbild für die Kommune aufgewertet.

Die Vechte-Renaturierung in Metelen wiederum verdeutlicht, wie Gewässerentwicklung und Hochwasserschutz zusammengedacht werden können. Durch die Wiederherstellung natürlicher Flussräume wird Wasser zurückgehalten, Extremereignisse werden abgeschwächt, und zugleich entstehen wertvolle Lebensräume.

Ganz generell sehen wir, dass erfolgreiche Klimaanpassung von guter Kommunikation und starken Netzwerken lebt. Ein Landschaftspflegeverband oder ein engagierter Landwirt können zu Pionieren der Klimaanpassung werden und weitere Akteure begeistern und aktivieren. Dadurch lässt sich der Nutzen für die gesamte Kommune vervielfachen.

ZKA: Welche Faktoren sind denn entscheidend, damit Klimaanpassung im ländlichen Raum gelingt, ganz besonders mit Blick auf die Zusammenarbeit verschiedener Akteure?

J.L.: Unsere Publikation zeigt, dass Klimaanpassung in ländlichen Räumen einen ganzheitlichen Blick braucht. Land- und Forstwirtschaft, Flur und Siedlungen sind Teile eines gemeinsamen Systems. Besonders beim Wasserrückhalt sehen wir, dass Einzelmaßnahmen am besten wirken, wenn sie in ein möglichst gut durchdachtes Gesamtkonzept eingebettet sind.

Dieser integrierte Ansatz lebt dann von der Zusammenarbeit. Breite Akteursbeteiligung, wie etwa durch Kooperationen mit Pächter*innen von kommunalen Flächen, kann wertvolle Flächenpotenziale erschließen. Durch die Einbeziehung vielfältiger Personenkreise können tragfähige und konsensuale Lösungen entstehen und umgesetzt werden. Außerdem entsteht durch Austausch neues Wissen und Vernetzung, die über einzelne Projekte hinaus bestehen bleiben und so eine langfristige Klimaanpassung sichern können.

Ganz entscheidend für die Umsetzung ist eine zentrale Koordination. Engagierte Klima- oder Biodiversitätsmanager*innen können den Dialog zwischen Akteuren, wie Bewirtschaftenden und Eigentümer*innen, frühzeitig anstoßen, und gleichzeitig die Abstimmung in Verwaltung, Gemeinderat und Ausschüssen fördern. So wird Klimaanpassung zu einem kontinuierlichen und gemeinschaftlich getragenen Prozess.

Zitat Jana Lange zu Klimaanpassung im ländlichen Raum

ZKA: Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Was wünschst Du dir für die Zukunft der Klimaanpassung im ländlichen Raum, und was macht Dich zuversichtlich?

J.L.: Für die Zukunft wünsche ich mir, dass diese gemeinsame Verantwortung stärker anerkannt wird. Dafür braucht es mehr Zusammenarbeit über Verwaltungs- und Gemeindegrenzen hinweg, und auch die konsequente Verankerung von Klimaanpassung in kommunalen Entwicklungsstrategien. Dabei denke ich etwa an das Instrument der Dorferneuerung bzw. Dorfentwicklung, bei dem es viele Anknüpfungspunkte für Klimaanpassungsmaßnahmen gibt.

Was mich zuversichtlich stimmt, ist die große Vielfalt der ländlichen Regionen und das enorme Potenzial, das daraus entstehen kann. Großflächige naturbasierte Maßnahmen kommen nicht nur dem Klima, sondern auch der Ökologie, dem Tourismus, dem Ortsbild, und der Gesundheit der Menschen und somit der Lebensqualität in ländlichen Räumen insgesamt zugute. Mit der Publikation zeigen wir, wie engagierte Akteure bereits heute viel bewegen und wieviel noch möglich ist, wenn Klimaanpassung als gemeinsames Projekt verstanden wird.

Quellen: Ochsmann, M., Lange, J., Völker, V. (2025). Klimaanpassung im ländlichen Raum. Potenziale, Beispiele, Synergien. Deutsches Institut für Urbanistik (Difu); adelphi consult; Zentrum KlimaAnpassung (ZKA). Erscheint in Kürze. 

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