Ein Interview mit Katharina van Bronswijk, Psychologin und Gründungsmitglied von Psychologists/Psychotherapists for Future e.V.
„Klimaangst ist keine Störung – sie ist ein Warnhinweis“
Der Klimawandel hinterlässt Spuren – nicht nur in der Infrastruktur, sondern auch in der Psyche. Katharina van Bronswijk, Psychologin und Sprecherin von Psychologists/Psychotherapists for Future, erklärt, warum Klimaangst eine natürliche Reaktion sein kann, welche psychischen Folgen Extremwetter hat – und was langfristig wirklich hilft.
ZKA: Klimafolgen betreffen nicht nur Körper und Infrastruktur – sie hinterlassen auch Spuren in der Psyche. Was beobachten Sie in Ihrer Arbeit?
Katharina van Bronswijk (K.v.B.): Wir müssen zwischen Emotionen und behandlungsbedürftigen Störungen unterscheiden. Klimaemotionen – Angst, Ärger, Trauer, Schuldgefühle – sind weit verbreitet. Studien zeigen, dass ein Großteil der Menschen mehrere dieser Gefühle kennt. Das sind keine Störungen, sondern sinnvolle Reaktionen: Angst signalisiert Gefahr, Ärger zeigt Ungerechtigkeit an, Trauer hilft, Verluste zu verarbeiten. Behandlungsbedürftige Symptome entwickeln hingegen nur etwa ein Prozent der Betroffenen. Anders sieht es nach Extremwetterereignissen aus: Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal wiesen rund 28 Prozent der Betroffenen Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung auf. Das ist behandelbar, aber die Versorgungsstrukturen waren schlicht nicht vorbereitet. Praxen waren überschwemmt, der Bedarf explodierte. Kommunen müssen flexibler werden: Mehr Therapeut*innen müssen zeitnah in betroffene Gebiete zugelassen werden, um Chronifizierungen zu verhindern.
Bei Hitze ist die Lage noch komplexer: Die Kriminalstatistik zeigt, dass Hitzetage Aggressivität und Gewaltbereitschaft erhöhen. Suizidale Impulse lassen sich schlechter unterdrücken. Episoden psychiatrischer Erkrankungen wie Demenzen, Schizophrenien oder bipolare Störungen können durch Hitze ausgelöst oder verschlimmert werden. Und viele Psychopharmaka – Antidepressiva, Antipsychotika – verschlechtern die Hitzeanpassungsfähigkeit des Körpers. Menschen mit psychischen Erkrankungen sind also doppelt vulnerabel. Das sollte in Hitzeaktionsplänen mitgedacht werden.
ZKA: Viele Menschen, die sich im Klimaschutz engagieren, kennen Erschöpfung und das Gefühl, nicht voranzukommen. Was hilft aus psychologischer Sicht?
K.v.B.: Aus der Forschung lassen sich drei Ansätze ableiten. Erstens: der Austausch mit Gleichgesinnten. Emotionen brauchen Raum – ähnlich wie Liebeskummer lässt sich Klimatrauer nicht wegdenken, man muss sie durchleben, am besten gemeinsam. Zweitens: sinnorientiertes Coping. Wer nicht auf Ergebnisse, sondern auf Werte fokussiert – also handelt, weil es das Richtige ist –, bleibt auch in schwierigen Phasen handlungsfähig. Drittens: Engagement mit echtem Wirksamkeitserleben. Dabei geht es nicht darum, die Welt alleine zu retten, sondern zu fragen: Was kann ich gut? Wo bin ich eingebettet? Wie kann ich genau dort etwas beitragen? Activist Burnout entsteht häufig, weil Menschen das Gefühl haben, nie genug getan zu haben. Selbstfürsorge und realistische Kapazitätseinschätzung sind deshalb keine Schwäche, sondern Voraussetzung für langfristiges Engagement.
ZKA: Viele Menschen fühlen sich angesichts der Klimakrise ohnmächtig. Was hält sie davon ab, aktiv zu werden – und was hilft?
K.v.B.: Ein zentrales Hindernis ist kognitive Dissonanz: Wir wissen, dass wir anders handeln sollten, können es aber oft nicht – weil Infrastrukturen fehlen, weil Zeit fehlt, weil der Kontext es nicht ermöglicht. Die Psyche löst diesen Widerspruch dann manchmal durch Verdrängung oder sogar durch Klimaskepsis. Forschung zeigt, dass Klimaleugnung mit geringerer Klimaangst und stärkeren Transformationsängsten assoziiert ist – sie dient also auch dazu, unangenehme Gefühle zu vermeiden. Was wirklich hilft, ist zweierlei: zum einen Kontexte schaffen, in denen das Richtige das Einfachste ist; zum anderen soziale Normen verändern. Wenn Nachhaltigkeit zur Norm wird, folgen viele. Entscheidend ist auch echte Partizipation – nicht einmalige Anhörungen, sondern Bürgerräte und Mitgestaltung von Anfang an. Menschen brauchen das Gefühl, dass Veränderung möglich ist und dass sie dazu beitragen können.
ZKA: Sie engagieren sich als Sprecherin der Psychologists/Psychotherapists for Future, arbeiten als Therapeutin und schreiben Bücher – alles rund um ein Thema, das emotional sehr belastend sein kann. Was hält Sie persönlich handlungsfähig und motiviert?
K.v.B.: Für mich ist es ein Teil meiner Identität, dass mir die Welt wichtig ist. Das bedeutet aber auch, dass ich mich manchmal zwingen muss, hinzuschauen, auch wenn es wehtut. Ich bin zufällig in den Aktivismus geraten und das hat mich verändert. Ohne diese Gemeinschaft wäre ich vielleicht bei nachhaltigen Konsumentscheidungen stehengeblieben und hätte mich damit zufrieden gefühlt.
Was mich hält: das Bewusstsein, dass Engagement nicht nur durch Frustration entsteht, sondern durch Freude, Gemeinschaft und Stolz auf das Erreichte. Genau das empfehle ich auch anderen: nicht die Welt alleine retten wollen, sondern schauen “Was kann ich gut? Was mache ich gern? Und wie bringe ich das in meinem Kontext ein – ob im Sportverein, in der Nachbarschaft oder in der Verwaltung?” Engagement soll Spaß machen und wir dürfen unsere Erfolge auch feiern.
Zur Person: Katharina van Bronswijk ist Psychologin und Psychotherapeutin in Berlin sowie Gründungsmitglied der Psychologists/Psychotherapists for Future e.V.. Sie forscht u. a. zu Solastalgie und ist Autorin von „Klima im Kopf“ und hat am Klimaanpassungsbuch „Eis gegen Heiß“ (mit einem Kapitel zu psychischen Auswirkungen des Klimawandels) mitgewirkt.
Katharina van Bronswijk (Psychologin und Psychotherapeutin)
Hinweis: Dieses Interview basiert auf der Podcast-Folge „Angepasst?! – Gespräch mit Katharina van Bronswijk“ vom 22. Januar 2026 des Podcast „Angepasst?!“ des Zentrum KlimaAnpassung. Die Fragen und Antworten wurden für den Newsletter redaktionell aufbereitet und gekürzt. Die vollständige Podcast-Folge ist abrufbar unter: Angepasst?! – Der Podcast des Zentrum KlimaAnpassung | Zentrum KlimaAnpassung