Im Interview: Naima Lipka zu Klimaanpassung in Kultureinrichtungen
Schwerpunktthema: Klimaanpassung in Kultureinrichtungen
Naima Lipka arbeitet bei adelphi im Bereich der Anpassung an den Klimawandel. Sie besitzt Expertise in partizipativen Prozessen, naturbasierten Lösungen und Gender. In dem Projekt zur Anpassung im Kultursektor überträgt sie ihr Fachwissen über Klimarisikoanalysen und Anpassungspolitik auf die Bedürfnisse von Kultureinrichtungen.
ZKA: Welche Auswirkungen hat der Klimawandel heute auf den Kultursektor?
Naima Lipka (N.L.): Der Klimawandel ist im Kulturbetrieb in Deutschland bereits deutlich spürbar. Die Sommer werden länger und heiße Tage führen dazu, dass Innenräume überhitzen und teils nicht mehr genutzt werden können oder die Aufenthaltsqualität stark leidet. So kommt in vollen Veranstaltungssälen die Lüftungsanlage oft nicht hinterher oder sie wird wegen der Lautstärke ausgeschaltet. Viele Kultureinrichtungen berichten von hitzebedingten Beschwerden von Besuchenden und deren Fernbleiben in den Sommermonaten. Museen regulieren Temperatur und Luftfeuchtigkeit auf Millimeter genau für ihre Exponate. Für Mitarbeitende in überhitzten Büros gilt das in der Regel nicht. Hochwasser und Starkregen richten in Kultureinrichtungen erhebliche Schäden an – an Gebäuden, Technik und Sammlungen. Wenn Regenwasser nicht schnell genug abfließen kann, dringt es in Gebäude ein und überflutet Keller. Archive und Depots, die dort untergebracht sind, sind am stärksten gefährdet. Auch historische Parkanlagen haben mit dem Dauerbrenner „zu viel oder zu wenig Wasser" zu kämpfen und das Absterben des historischen Baumbestandes verringert die Biodiversität und Kühlwirkung dieser grünen Lungen. Hinzu kommen Temperatur- und Feuchteschwankungen in Gebäuden, die empfindliche Kunstobjekte, Instrumente und Kostüme dauerhaft schädigen können.
ZKA: Welche Rolle spielen dabei der Sanierungsstau und die Tatsache, dass viele Kulturgebäude in kommunaler Hand sind?
N.L.: Der verbreitete Sanierungsstau verschärft die Lage vielerorts. Viele historische Kulturgebäude sind energetisch veraltet, schlecht gedämmt, ohne wirksamen Sonnenschutz und arbeiten mit technisch überholten Lüftungsanlagen. Teils bestehen grundlegende Baumängel, welche Klimarisiken verstärken. Die Folge ist, dass selbst ein „normaler" Hitzesommer oder ein einzelnes Starkregenereignis schneller zu erheblichen Schäden führt, als das bei einem sanierten Gebäude der Fall wäre.
Der Großteil der Kulturorte, wie zum Beispiel Theater, Bibliotheken, Museen, Parks und soziokulturelle Zentren, wird überwiegend von Städten und Gemeinden getragen und finanziert. Der Kultursektor sowie Kommunen sind finanziell oft knapp ausgestattet, wodurch Kulturbauten in der Prioritätensetzung häufig hintenanstehen. Dabei sollte man nicht übersehen: Jede anstehende Sanierung ist auch ein wichtiges Gelegenheitsfenster. Wer ohnehin saniert, sollte Klimaanpassungsmaßnahmen von Anfang an mitdenken. Das ist langfristig auch wirtschaftlich sinnvoll. Denn aufgeschobene Sanierungen lassen die Häuser gegenüber Hitze und Starkregen ungeschützt und verteuern die spätere Anpassung.
Wie eine solche Begleitung aussehen kann, hat das Pilotprojekt „Klimaanpassung in Kultureinrichtungen" der Kulturstiftung des Bundes (2024–2025) modellhaft gezeigt: In einem rund einjährigen Lern- und Beratungsprozess arbeiteten zwanzig Kultureinrichtungen unterschiedlicher Sparten gemeinsam mit einem interdisziplinären Expertenteam daran, standortspezifische Klimarisikoprofile zu erstellen und konkrete Anpassungsmaßnahmen zu entwickeln. Die dabei entstandenen Klimaanpassungskonzepte dienen den Einrichtungen als Grundlage für interne Priorisierungen ebenso wie für Förderanträge. Die Ergebnisse belegen: Mit gezielter Expertise und ausreichender Förderung lässt sich auch im ressourcenknappen Kultursektor wirksame Klimaresilienz aufbauen.
ZKA: Warum lohnt es sich für Kommunen, Kultureinrichtungen aktiv in die Klimaanpassung einzubinden und welche Synergien entstehen dabei?
N.L.: Kultureinrichtungen sind weit mehr als Randinfrastruktur. Als stark frequentierte dritte Orte, wie Foyers, Lesesäle, Veranstaltungsräume, Parks und Gärten, prägen sie den öffentlichen Raum und das gesellschaftliche Leben. Darüber hinaus beherbergen sie unser kollektives Kultur- und Naturerbe: teils unwiederbringliche Sammlungen und jahrhundertealte Baumbestände. Gerade deshalb sind sie schutzwürdig und gleichzeitig besonders schwierig zu ertüchtigen. Akustische Anforderungen, Garten- und Denkmalschutz sowie geltende Urheberrechte von Architekturbüros machen Nachrüstungen schnell komplex und kostspielig. Kommunale Klimaanpassungsstrategien, die Kultureinrichtungen einbeziehen, können dieser Komplexität gezielt Rechnung tragen.
Kulturorte gehören zur gesamten Stadt und damit auch zu deren Klimaresilienz. In der Praxis werden sie bei der Stadtplanung jedoch häufig übergangen. Dabei drohen ohne gezielte Anpassung Hitzeschließungen, Angebotskürzungen und Zugangsbeschränkungen – ein schleichender Verlust kultureller Teilhabe, der besonders jene trifft, die ohnehin auf niedrigschwellige, barrierefreie Angebote angewiesen sind: ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen und Personen in beengten Wohnverhältnissen ohne private Rückzugsmöglichkeit bei Hitze. Die Synergien einer gezielten Klimaanpassung sind dabei erheblich und wirken auf zwei Ebenen: Auf der Ebene der Gebäude selbst schützen Maßnahmen wie Verschattung, Dachbegrünung oder technische Nachrüstung vor Hitze, Starkregen und Feuchtigkeitsschäden und sichern so den langfristigen Betrieb der Einrichtungen. Auf der Ebene des Stadtraums wirken Maßnahmen wie Entsiegelung, Begrünung oder Verschattung auf Kulturgrundstücken weit über das einzelne Gebäude hinaus: Sie verbessern das Mikroklima im gesamten Quartier, steigern die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum und schaffen Orte, an denen sich Menschen auch bei sommerlicher Hitze gern aufhalten. Kulturorte können so zu echten Ankerpunkten klimaresilienter Stadtgestaltung werden – als kühle Treffpunkte, als begrünte Freiräume und als lebendige Beispiele dafür, dass Klimaanpassung und Lebensqualität einander bedingen.
Dazu kommt: Kultureinrichtungen erreichen vielfältige Zielgruppen und können Klimaanpassung sichtbar und erfahrbar machen – durch Ausstellungen, Performances oder kritische Diskursformate. Für Kommunen sind sie damit auch Multiplikatorinnen für Anpassungsbotschaften, die über klassische Verwaltungskommunikation kaum erreichbar wären.
Auch in der Deutschen Anpassungsstrategie ist der Erhalt von Kulturerbe enthalten. Eines der messbaren Ziele ist die Erstellung von Klimaanpassungskonzepten für die 54 deutschen UNESCO-Welterbestätten. Hinzu kommt, dass mehr als ein Drittel aller Kultureinrichtungen in Deutschland sich in Kleinstädten befindet. Gleichzeitig leben knapp 30 Prozent der Deutschen in Kleinstädten, die damit auch einen wichtigen Teil der Daseinsvorsorge für diese Menschen erbringen. Nicht nur in städtischen Quartieren, auch in ländlichen Räumen ist Kulturarbeit nicht zu unterschätzen, sie fördert zum Beispiel gesellschaftlichen Zusammenhalt und Gemeinschaft und bewahrt regionale Identitäten.
Es gibt also allerhand Gründe, gemeinsame Anpassungsprojekte umzusetzen und Kultureinrichtungen stärker in der Anpassungsplanung mitzudenken.
ZKA: Gibt es gute Beispiele, die zeigen, wie Klimaanpassung in der Praxis schon heute funktionieren kann?
N.L.: Beispielsweise setzen die Stadt Pforzheim und das Stadtmuseum schon seit mehreren Jahren in Folge gemeinsam eine Blumenkasten-Pflanzaktion um. Eine niedrigschwellige Maßnahme, bei der Jung und Alt Blumenkästen mit insektenfreundlichen Blumen befüllt haben. Da die Aktion im ersten Jahr so guten Anklang fand, wurde sie im nächsten Jahr wiederholt und in Kooperation mit der stadteigenen sozialen Gärtnerei wurden zusätzlich auch Rankpflanzen für Fassadenbegrünung verteilt. So wird der Kulturort kurzerhand zum Begegnungsort von Bürger*innen, wo Familien und Senior*innen selbst aktiv werden und zu einer klimaangepassten Stadt beitragen.
Ein zweites, besonders interessantes Beispiel ist die Kooperation zwischen dem kommunalen Hitzeschutzangebot und der Staatsgalerie Stuttgart. Die klimatisierten Museumsräume werden dabei bewusst als öffentlich zugängliche Schutzräume geöffnet und kommuniziert. Die Staatsgalerie ist einer der Stopps des städtischen Hitzebusses, wo man an heißen Tagen freien Eintritt bekommt. Das schafft niedrigschwelligen Zugang zu kühlen, ruhigen Innenräumen für hitzesensible Gruppen und macht die Kultureinrichtung sichtbar als Teil der sozialen Daseinsvorsorge. Gleichzeitig bringt es neue Zielgruppen ins Museum und ermöglicht kulturelle Teilhabe.
Viele Kultureinrichtungen passen sich zudem nicht nur baulich, sondern auch organisatorisch und programmatisch an den Klimawandel an. Durch angepasste Öffnungszeiten an Hitzetagen, Ausweichspielstätten oder eine klare Kommunikation kühler Rückzugsräume in den Liegenschaften. Besonders wirkungsstark wird es, wenn Kultureinrichtungen diesen Wandel auch inhaltlich aufgreifen: mit Ausstellungen, Diskursformaten und künstlerischen Arbeiten zum Thema. Das Haus spricht dann nicht nur über Klimawandel, es macht ihn erfahrbar.
Was alle drei Beispiele verbindet? Klimaanpassung funktioniert besonders gut, wenn Kommunen Kultureinrichtungen nicht als Problemfälle begreifen – alte Gebäude, hoher Sanierungsbedarf – sondern als aktive Lösungsorte: kommunikativ und mitten in der Gesellschaft. Wenn Kultureinrichtungen die richtigen Ressourcen erhalten, können sie natürliche Partner einer klimaresilienten Stadtentwicklung sein und diese in vielerlei Hinsicht bereichern.
ZKA: Wenn Du auf die nächsten 10 bis 20 Jahre blickst: Welche Rolle wünscht Du Dir persönlich für Kultureinrichtungen in der kommunalen Klimaanpassung? Was bereitet Dir dabei eher Sorge, was macht Dir Mut?
N.L.: Ich würde mir wünschen, dass wir die wichtige Rolle des Kultursektors in der Gesellschaft, aber auch beim Thema Klimaanpassung stärker anerkennen und unsere Kultureinrichtungen jetzt schon klimaresilient aufstellen, sodass sie besser vor der zunehmenden Hitze und zukünftigen Extremwetterereignissen geschützt sind.
Dafür muss Kultur auf die Klimaanpassungsagenda und Klimaanpassung auf die Kulturagenda. Das heißt auch, dass Kommunen Kultureinrichtungen strategisch mitdenken und sie in der kommunalen Klimaanpassungsplanung, in Hitzeschutzkonzepten und in Katastrophenschutzüberlegungen auftauchen, und zwar als feste Bausteine, nicht im Nebensatz. Darüber hinaus wirft die Klimakrise auch die verschiedensten gestalterischen Fragen auf: Wie sieht eine klimaangepasste Theatervorstellung aus? Wie kuratieren wir saisonal? Wie erhalten wir gartendenkmalpflegerische Zielbilder, wenn bestimmte Bäume in unseren Klimazonen nicht mehr überleben? Wie lassen sich Denkmalschutz und Klimaanpassung vereinen?
Was mir Sorge bereitet? Dass wir zu lange warten. Dass Klimaanpassung für den Kulturbereich erst dann ernst genommen wird, wenn die Schäden unübersehbar sind und die Spielräume längst enger geworden sind.
Was mir Mut macht: Die Spielräume gibt es noch. Und es gibt Kommunen und Kultureinrichtungen, die heute schon an kreativen Anpassungslösungen arbeiten und andere inspirieren. Auf die setze ich.
Naima Lipka