Im Interview: Herr Dr. Mücke zu Hitze und Gesundheit in Deutschland

Dr. Hans-Guido Mücke arbeitet im Fachgebiet "Umweltmedizin und gesundheitliche Bewertung" des Umweltbundesamtes und ist ausgewiesener Experte zum Thema Hitze und Gesundheit in Deutschland.

Herr Dr. Mücke, extreme Hitze- und Dürreperioden häufen sich auch in Deutschland und werden für viele Menschen immer mehr zur Herausforderung. Welche Auswirkungen hat Hitze auf die menschliche Gesundheit? Und wer ist besonders betroffen?

Dr. Mücke: Durch die Klimaerwärmung verstärken sich die Extremwetterereignisse, wie Hitze- und Trockenheit. Das bringt globale Herausforderungen für die Menschen, Tiere, Pflanzen und ihre Gesundheit mit sich, aber auch in Europa und in Deutschland.

Derartige Extreme betreffen zunächst die gesamte Bevölkerung, dabei sind manche Risikogruppen besonders verwundbar, wie Kleinkinder, Menschen im höheren Alter sowie Personen mit Vorerkrankungen, zum Beispiel der Atemwege und des Herz-Kreislaufsystems. Zudem ist das Thermoregulationssystem der Betroffenen weniger gut ausgeprägt, das heißt der Körper kann sich nicht so gut an Hitze anpassen. Insbesondere länger andauernde Hitzeereignisse von mehreren Wochen wirken auf den Organismus besonders belastend. Hitze ist das extreme Wetterereignis mit den nachweislich stärksten Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit - ein bislang unterschätztes Gesundheitsrisiko, das im Akutfall auch tödlich sein kann, wie die Hitzesommer der Jahre 2003, 2010, 2015 und 2018 gezeigt haben.

Der nächste Sommer steht bereits vor der Tür. Was kann kurzfristig auf kommunaler Ebene getan werden, um möglicher Hitzebelastung in diesem Sommer vorzubeugen?

Dr. Mücke: Kurzfristig können Kommunen sehr gut die Funktion übernehmen, Hitzegefahren zu kommunizieren und über Anpassungsmaßnahmen zu informieren. Wesentlich und wichtig ist es, dass sich kommunale Gesundheits- und Sozialeinrichtungen, wie Krankenhäuser, Senioren und Kinderheime, aber auch Feuerwehren beim DWD für den Empfang von Hitzewarnungen registrieren lassen, ein essentielles Akut-Element, auch für die Umsetzung eines Hitzeaktionsplans.

Als weiteres Element sollten die Kommunen vor Ort ein Netzwerk für zielgerichtete Maßnahmen aufbauen, unter Einbindung des Gesundheitsamtes, der Hilfsorganisationen, der Krankenhäuser und der Ärzteschaft. Ein nicht überraschend festzustellender Effekt des Sommers ist, dass ausgeprägte Hitzeperioden mitten in die Zeit der Sommerferien fielen. Das bedeutet für die Praxis, dass in den Krankenhäusern, Heimen und auch bei den Institutionen des Notfallrettungssystems darauf geachtet werden muss, in der Sommerzeit ausreichend und kurzfristig Personal verfügbar zu haben, um bei Eintritt von extremer Hitze die betroffenen Menschen versorgen zu können. Hierfür ist ein Konzept und Management auf kommunaler Ebene gefragt. Die Verantwortlichen in den Kommunen müssen bedenken, dass sich ein Hitzeereignis nicht langfristig ankündigt, sondern je nach Wettersituation recht kurzfristig eintritt, dann lang anhalten und unter Umständen auch sehr stark ausgeprägt sein kann. 

Kommunikation ist wichtig! Die nächste Hitzewelle kommt sicher. Welche Maßnahmen zur Information der betroffenen Bevölkerung und insbesondere der vulnerablen Gruppen haben sich Ihrer Ansicht nach besonders bewährt?

Dr. Mücke: Neben den erwähnten DWD-Hitzewarnungen möchte ich den Hitzeknigge des UBA empfehlen, der unter anderem Hinweise für die Bevölkerung, vor allem für vulnerable Gruppen, zum angepassten Verhalten bei Hitze enthält. Er wird inzwischen sehr häufig auch auf kommunaler Ebene, mit lokalspezifischen Infos angereichert umgesetzt. Hierzu zählen quartiersbezogene Kontakte und Anlaufstellen, etwa für Seniorentreffs, Nothilfenummern oder für das lokale Auffinden von Trinkwasserbrunnen. Der Hitzeknigge ist ein gutes Instrument für die Umsetzung von Information und Kommunikation, einem weiteren Element eines Hitzeaktionsplans.

Gut geplante, institutionalisierte und sich saisonal wiederholende Strukturen der Kommunikation und Information über verschiedene Medien – Internet, social media, aber auch Broschüren –  sind die erste wichtige Maßnahmen, die eine Kommune einrichten sollte, denn es geht hier um die größtmögliche Verbreitung von Informationen zur gesundheitsbezogenen Hitzevorsorge. Je öfter die Bevölkerung rechtzeitig vorbereitend – also schon im Frühjahr – mit dem Thema konfrontiert wird, umso leichter werden Maßnahmen auch umgesetzt und vorsorgende individuelle Verhaltensweisen erinnert – der Anpassungs- und Lerneffekt liegt in der Wiederholung. Das UBA stellt dafür verschiedene Info-Materialien bereit, unter anderem mit der Schattenspenderkampagne und dem bereits erwähnten Hitzeknigge. Die kommunale Kommunikation sollte aber auch die Ärzteschaft und Apotheken mit einbeziehen, da zum Beispiel Ärzt*innen während Hitzeperioden teilweise die Medikation, etwa bei älteren und vulnerablen Personen, ggf. kurzfristig anpassen müssen.

Auch sehr hilfreich erscheint mir das Beispiel der Stadt Köln, wo aktuelle Hitzewarnungen über die elektronischen Anzeiger an den Haltestellen des ÖPNV und über Bildschirme in den Fahrzeugen laufen. Hier werden konkret die städtischen Verkehrsbetriebe in die Hitzevorsorgemaßnahmen eingebunden. Wichtig ist, die Bevölkerung nicht nur zu warnen, sondern, wie die Erfahrung zeigt, ihnen auch verständliche Verhaltenstipps gibt.

Was sind die wichtigsten Schritte, die für die mittel- und langfristige kommunale Hitzevorsorge zu unternehmen sind, also für die nächsten Jahre? Und welches Know-how ist dafür erforderlich?

Dr. Mücke: Im öffentlichen Raum von Städten und Kommunen können mittel- und langfristig Maßnahmen zur Hitzeanpassung umgesetzt werden. So sollten zum Beispiel frei besonnte Plätze, etwa Schulhöfe und Spielplätze, verschattet werden. Flächen sollten entsiegelt und begrünt werden. Bei der Begrünung in Städten und Gemeinden muss sowohl die Kommune als auch die Bevölkerung darauf achten und sicherstellen, dass das Grün in Phasen von Trockenheit bewässert wird, um die abkühlende Wirkung der Pflanzenverdunstung zu gewährleisten. Ausgezeichnete und täglich aktuelle und flächendeckende Informationen zum Bodenfeuchtezustand in ganz Deutschland bietet der Dürremonitor des Umweltforschungszentrums/UFZ.

Auch Wasserflächen in Städten zu erhalten bzw. zu schaffen, dient der Klimaanpassung und Verminderung des städtischen Wärmeinseleffektes. Fließende Gewässer haben einen stärkeren Kühlungseffekt als stehende. Maßnahmen zum Stadtumbau und an Gebäuden sind eindeutig längerfristig; etwa Bau- und Dämmmaßnahmen. Beispielsweise sollten öffentliche Gebäude mit Verschattungsmaßnahmen, versehen werden. Für den Umbau ganzer Städte werden wir mehrere Dekaden brauchen. Ein Beispiel ist hier der Umbau im Sinne der „Schwammstadt“. Das Konzept der Schwammstadt orientiert sich daran den schnellen Oberflächenabfluss von Regenwasser durch die Kanalisation zu mindern und es im Erdreich der Stadt speichern zu können. Zum Beispiel aufgefangen in Zisternen oder Tanks, damit es für die weitere Nutzung zum Beispiel während Trockenphasen als Brauchwasser zur Verfügung steht.

Man braucht „Kümmerer“. Auch auf der kommunalen Ebene muss das Thema Hitzeanpassung erkannt und Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Verschiedene Dezernate müssen eingebunden werden und den Mut haben fachübergreifend zu arbeiten, zu nennen sind hier u.a. die Ämter für Gesundheit, Umwelt, Planung, Verbraucherschutz und Grünflächen. Klimaanpassungsmanager*innen einzustellen wäre hierfür eine wichtige kommunale Startmaßnahme. Sie/Er könnte die Vernetzung und intersektorale Zusammenarbeit innerhalb der Kommune auf den Weg bringen und dazu beitragen, diese nachhaltig zu verankern. Zunächst ist eine projektbezogene Anschubfinanzierung sehr wichtig, um sich überhaupt mit dem Thema zu beschäftigen und etwas in Gang zu setzen. Natürlich nicht nur auf Hitze bezogen, auch Klimaanpassung im Allgemeinen. Hitzeanpassung bspw. mittels eines Hitzeaktionsplans, kann aber auch Teil eines Gesamtkonzeptes einer Klimaanpassungsstrategie sein, je nach den Herausforderungen und Erfordernissen einer Kommune. Der nächste wichtige Schritt ist dann die Planung, Budgetierung und Implementierung einer nachhaltigen Fortführung über das Projektende hinaus. Dafür ist in der Regel ein politischer Beschluss (bspw. des Stadtrats) erforderlich.

Hitzeanpassung steht eng mit dem übergeordneten Thema der „gesunden Stadt“ in Zusammenhang – womit Sie sich am UBA ebenfalls intensiv befassen: Können Sie aus Ihrer fachlichen Sicht kurz schildern, welche wesentlichen Elemente eine „gesunde Stadt“ ausmachen? Und welche Rolle spielt Hitzeanpassung dabei genau?

Dr. Mücke: Hitzeanpassung ist ein besonderer Bestandteil für eine gesunde Stadt. 77% der Bevölkerung Deutschland lebt in städtischen Verdichtungsräumen, also dort, wo die Einwohner- und die bauliche Dichte hoch ist.

Gerade in Städten ist zudem die Reinhaltung der Luft sehr wichtig. Ein gesundes Leben in einer gesunden Stadt braucht gute Luft, weniger Lärm und mehr Platz für die ökologische Vielfalt. Emissionen sollten weiter reduziert werden, bspw. indem der Kfz-Verkehr vermindert und gelenkt wird. Hilfreich ist dabei auch das aktive Umsteigen vom Auto auf den ÖPNV, noch besser auf das Fahrrad, was – sofern gesicherte Fahrradwege zur Verfügung stehen – weitere gesundheitliche positive Effekte hat, denn körperliche Betätigung fördert die Gesundheit und das Wohlbefinden.

Zu gesunden Lebensverhältnissen in der Stadt trägt neben Hitzeschutzmaßnahmen an Gebäuden (Verschattung und Begrünung) ebenso die Entsiegelung versiegelter Flächen bei, denn Brachflächen fördern Ökologie, Biodiversität und verbessern das Stadtklima. Denn dies trägt auch zur Stärkung der psychischen Gesundheit bei, da Grünflächen, Parks und begrünte Wege wichtige Faktoren hierfür sind. Gefragt ist die Entwicklung und Implementierung innovativer Konzepte zur Hitzereduktion durch die Stadt- und Raumplanung, um das Problem innerstädtisch angestauter Hitze bei Nacht durch bspw. Freihalten bestehender bzw. Schaffen neuer Luftleitbahnen und Kaltluftentstehung nachhaltig zu lösen.

Zum Stichwort Klimaanpassung als Querschnitts- und Vernetzungsaufgabe: Welche kommunalen Fachabteilungen müssten aus Ihrer Sicht am Themenkomplex Klima und Gesundheit zusammenwirken und gemeinsam Strategien und Maßnahmen entwickeln?

Dr. Mücke: Das ist ein breites Spektrum, das sich natürlich von Kommune zu Kommune unterscheiden kann. Dazu gehören, wie bereits erwähnt, u.a. die Ämter für Gesundheit, Umwelt, Verbraucherschutz, Planung, aber auch die Sozialämter sind sehr wichtig. Zu betonen ist auch, dass nicht zwingend neue Vernetzungsstrukturen oder Institutionen geschaffen werden müssen, wenn diese bereits in anderen Kontexten vorhanden sind. So können bereits etablierte Kommunikations- und Informationsstrukturen sowie Beratungs- und Weiterbildungsangebote genutzt werden, um die Bevölkerung zu informieren, Empfehlungen auszusprechen, Hinweise zu geben und Begegnungsorte anzubieten. Effizient und zielführend ist es, Bestehendes zu nutzen, zu prüfen, was bereits existiert, gut läuft und wo sich Hitzeprävention durch Maßnahmen des Klimaschutzes und der Klimaanpassung sinnvoll integrieren lassen, um die Resilienz der Gesellschaft zu stärken.

Unterm Strich braucht es Menschen, die motiviert sind und mitmachen, in den kommunalen Fachbereichen, aber auch in der Bevölkerung. Wichtig ist der Wille sich des Themas gesundheitsbezogene Hitzeanpassung anzunehmen und es voranzutreiben - manchmal braucht es auch Geduld und einen langen Atem.

Weiterführende Informationen, Materialien und Links zum Themenfeld:

Handlungsempfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen (BMUV)

Bundesgesundheitsblatt: Gesundheitliche Herausforderungen des Klimawandels (Ausgabe 5/2019)

Arbeitshilfe zur Entwicklung und Implementierung eines Hitzeaktionsplans (Hochschule Fulda)

Gesundheitshinweise zur Prävention hitzebedingter Gesundheitsschäden (WHO)

Kampagnenleitfaden „Spenden Sie Schatten“ (KLiVO/UBA)

Arbeitshilfe: Pflege im Umgang mit dem Klimawandel (DBfK)

Arbeitshilfe: Hitzemaßnahmenplan für stationäre Einrichtungen der Altenpflege (BAuA)

Arbeitsstättenregel ASR A3.5 Raumtemperatur (BAuA)

Arbeitshilfe: Normen, technische Regeln und Richtlinien zur Anpassung (KLiVO/ UBA)