Praxisbeispiele – Hitzevorsorge & Gesundheit

Heißer, trockener, extremer – Ganzheitliches Hitzemanagement der Stadt Erfurt

500-550 mm Niederschlag im Jahr – damit gehört Erfurt zu den niederschlagsärmsten Gegenden Deutschlands. Die Folgen der Klimakrise treffen die die Thüringer Landeshauptstadt und führen zu steigender Hitze im Sommer, wärmeren Übergangsjahreszeiten, milden, schneefreien Wintern, häufigeren Starkregen im Sommer und nicht zuletzt zu langanhaltenden Trockenperioden, auch im Frühling. Die sich häufenden Wetterextreme gefährden den Fortbestand des Erfurter Stadtgrüns enorm und belasten die Gesundheit vieler Erfurter*innen.

Erfurt hat sich den Herausforderungen der Klimakrise aktiv gestellt und zusammen mit regionalen Partner*innen aus Wissenschaft und Praxis intelligente Konzepte und Maßnahmen entwickelt, um den Risiken für Mensch und Umwelt zu begegnen. Ein Engagement, für das die Stadt Erfurt als Praxispartnerin des Projekt-Verbunds HeatResilientCity mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis Forschung 2022 ausgezeichnet wurde. Das BMBF-Forschungsprojekt, an dem seit 2017 neben der Stadt Erfurt auch die Stadt Dresden und forschungsbezogene Verbundpartner*innen maßgeblich beteiligt sind, erforscht, wie sich dicht bebaute Stadtquartiere und die dort lebende Bevölkerung nachhaltig vor Sommerhitze schützen lassen.

Ein schöner Anlass, um einmal genauer hinzuschauen, wie erfolgreiche Klimaanpassung funktioniert. Im Gespräch mit Guido Spohr vom Umwelt- und Naturschutzamt Erfurt blicken wir zurück auf acht Jahre Klimaanpassung in Erfurt und auf Pläne für die Zukunft. Aber vor allem wollen wir erfahren: Was können andere Kommunen und Städte insbesondere im Bereich Hitze und Gesundheit von Erfurt lernen?

Klimadaten und Anpassungskonzepte - Basis für erfolgreiche Klimaanpassung

Effektive Klimaanpassung braucht solide Daten und integrierte Konzepte. Nach fast 8 Jahren Einsatz für Klimaanpassung hat Erfurt in Zusammenarbeit mit der lokalen Fachhochschule umfangreiche klimatische Daten gesammelte, die als Grundlage und Orientierung für Konzepte und Instrumente der Klimaanpassung in Erfurt dienen.

Die erste datenbasierte klimatische Beurteilung von Bauplänen und Bauleitplanung in Erfurt erfolgte bereits 2014 mit dem "Klimagerechten Flächenmanagement für die Landeshauptstadt Erfurt. Es dient der Stadt neben dem Maßnahmenkatalog zur Klimaanpassung als zentrales Konzept.

Durch das BMUV-geförderte Stadtgrünkonzept im Klimawandel (SiKEF-BUGA-2021) wird der Fokus auf klimaresiliente Straßenbäume und Begrünungskonzepte im jeweiligen Quartierskontext gesetzt. Die systematische Verankerung von Klimaanpassung erfolgt im Integrierten Stadtentwicklungskonzept (ISEK Erfurt 2030) der Stadtverwaltung Erfurt. Das ISEK hebt die ganzheitliche Aufgabe der Klimaanpassung hervor und betont die ressortübergreifende Zusammenarbeit der verschiedenen Bereiche von Wasserwirtschaft, Bauwesen oder Katastrophen- und Gesundheitsschutz.

Städtebauliche Heterogenität in Reallaboren abbilden (Beispiel BMBF-Forschungsprojekt HeatResilientCity)

Erfurt ist von heterogenen Baustrukturen, Lagequalitäten und Altersstrukturen der Bevölkerung geprägt. Die Lebensrealitäten und Ausgangslagen sind von Quartier zu Quartier sehr unterschiedlich und somit eine Herausforderung für stadtweite Klimaanpassungsmaßnahmen. Der Heterogenität kann die Stadtplanung in einem ersten Schritt durch Modellquartiere oder sogenannte Reallabore gerecht werden. Im Reallabor "Oststadt" werden für ausgewählte hitzebedrohte Quartiere Bedarfe und Lösungen ermittelt und hier erfolgreich erprobte Maßnahmen für weitere Quartiere angewendet und bei Bedarf angepasst.

Hitzeschutz und Hitzeprävention ganzheitlich denken.

Erfurt arbeitet seit vielen Jahren mit Hitze und Trockenheit in Stadt und Umland und hat auf Basis dieser Erfahrungen ein Set an Maßnahmen zum Hitzeschutz und zur Hitzeprävention entwickelt, das im Wesentlichen auf drei zentralen Säulen basiert:

1. Naturbasierte Maßnahmen: Kühlung städtischer Hitzeinseln durch Bäume und Gebäudegrün

2. Hitzekommunikation: Frühzeitige Kommunikation ermöglicht Prävention

3. Gesundheitsprävention: Gesundheitsnetzwerk zur Hitzeprävention

Alle drei Säulen sind in Konzeption, Planung und Umsetzung eng miteinander verknüpft und spiegeln sich als ganzheitliches Konzept im Planungsinstrumentarium der Stadt Erfurt wider.

1. Naturbasierte Maßnahmen

Bestehende und potentielle Hitzeinseln finden sich zuvorderst in verdichteten, innerstädtischen Quartieren mit hohem Versiegelungsgrad. Die Stadt Erfurt hat die innerstädtischen Hitzeinseln identifiziert und wirkt seit vielen Jahren dem Überwärmungstrend durch ein Set kleinteiliger Entlastungsstrukturen, wie Entsiegelung, Gebäudebegrünung und insbesondere durch die Pflege und Ausbau eines vielfältigen Stadtbaumbestands entgegen. Vor diesem Hintergrund hat die Stadt im Rahmen von HeatResilientCity gezielt 50 neue Bäume in die städtischen Hitzeinseln gepflanzt. Die Bäume werden merklich zur natürlichen Kühlung der hitzebedrohten Straßenzüge beitragen. Eine wichtige Erkenntnis dabei: nicht nur oberhalb, sondern auch unterhalb der Erde, sind Städte heutzutage stark verbaut. Tiefbauende Ämter sind deshalb in urbanen Klimaanpassungsprojekten zentrale Partner.

 

2. Hitzekommunikation

Frühzeitige Kommunikation ermöglicht Prävention. Nur wer von der nächsten Hitzewelle weiß, der oder die kann sich auch auf sie vorbereiten. Umfangreiche Informationen über aktuelle Hitzemeldungen, Vorsorgetipps oder kühle Orte in der Stadt können Erfurter*innen über das Erfurter Hitzeportal aufrufen. Wer tagesaktuell informiert werden will, hat außerdem die Möglichkeit, sich für einen RSS-News-Feed einzutragen. Um Menschen ohne Internetzugang oder Mobiltelefon zu erreichen und auch kurzfristige Warnungen kommunizieren zu können, ist es dank Kooperation mit dem Tiefbau und Verkehrsamt in Erfurt möglich, Hitzewarnungen über die digitalen Werbetafeln an den Hauptverkehrsstraßen Erfurts anzuzeigen.

3. Gesundheitsprävention

Im Gegensatz zu Extremwettervorsorge, wird Hitzeprävention oftmals nicht mit der gleichen Dringlichkeit behandelt – deshalb muss zielgenauer und unabhängig von akuten Hitzeperioden kommuniziert werden. Im Juni 2020 hat die Stadt Erfurt die Erstellung eines Hitzeaktionsplans auf den Weg gebracht, um präventiven Gesundheitsschutz und Sensibilisierung in Bezug auf Hitze zu fördern. Gemeinsam mit dem Erfurter Gesundheitsamt sowie der Unterstützung des Dresdner Amts für Gesundheit und Prävention wird im Rahmen von HeatResilientCity II ein Gesundheitsnetzwerk zur Hitzeprävention eingerichtet. Gesundheitsakteur*innen, wie Pflege- und Therapieeinrichtungen, Rettungsleitstellen, Krankenhäuser und Krankenkassen, aber auch Wohnungsgesellschaften und -genossenschaften sind dabei wichtige Partner*innen.

Vulnerable Gruppen: Zielgruppen für Hitzeschutz und Hitzeprävention

Gefördert durch das Thüringer Landesprogramm „Klima-Invest“, werden die bisherigen Hitzeanpassungsaktivitäten in Erfurt auf ihre Wirksamkeit hin evaluiert, sodass Ende 2022 ein optimierter und erweiterter Maßnahmenkatalog für den Hitzeaktionsplan fertiggestellt werden kann. Eine verstärkte Zusammenarbeit im Gesundheitsnetzwerk und mit Wohnungsunternehmen sollen garantieren, dass die Bedarfe von schwer erreichbaren Gruppen, wie ältere oder isolierte Menschen, erkannt und entsprechende Kommunikationsstrategien umgesetzt werden. 

Organisation und Wissenstransfer - gemeinsam erarbeiten und kommunizieren

Klimaanpassung als Querschnittsthema in den sektoral aufgebauten Verwaltungen unterzubringen, bleibt auch in Erfurt eine Herausforderung. Aktuell ist das Thema in insgesamt vier Dezernaten verankert, was die Koordination und Abstimmung verkompliziert. Ein erster Schritt war die Einführung eines Lenkungskreis Resiliente Stadtentwicklung im April 2021, der organisatorische und inhaltliche Mindeststandards für künftige Planungen und Projekte entwickelt.

Damit der Wissenstransfer in die Gesellschaft gelingen kann, ist eine breite Wissensbasis bei Entscheider*innen und Umsetzer*innen in Verwaltung, Wohnungs- und Bauwesen notwendig. Zudem braucht es eine stärkere Orientierung an der Alltagspraxis von Gesundheitsberufen. In HeatResilientCity II ist dieser Wissenstransfer sowie konkrete Handlungshilfen, wie die Entwicklung von Hitzehandbüchern für gesundheitsorientierte Akteur*innen vorgesehen.

Noch lange nicht am Ende: transformative Klimaanpassung

Ist Klimaanpassung als Querschnittsthema in der Verwaltung platziert, wird schnell klar: die Schnittstellen mit anderen drängenden Themen unserer Zeit sind vielfältig. Herr Spohr betont mit Blick auf entscheidende Treiber für Klimaanpassung die Notwendigkeit einer Mobilitätswende. Nur, wenn der ruhende Verkehr weniger werde, könne Klimaanpassung in multifunktionalen Stadträumen konsequent umgesetzt werden. Damit könne Raum für Begrünung und Erholung entstehen; Hitzeinseln vorgebeugt und die Gesundheit der Menschen geschont sowie das Stadtklima unmittelbar verbessert werden. Nicht zuletzt sei auch soziale Ungleichheit ein Thema, das stärker mitgedacht werden müsse – insbesondere in Gesundheitsfragen. Auch deshalb wird die Zusammenarbeit mit Wohnungsunternehmen und sozialen Einrichtungen in Zukunft weiter ausgebaut.

Weiterführende Informationen:

Hier geht es zum Erfurter Hitzeportal

Die Projektwebseite von HeatResilient I + II